Der Wissensschatz der Großeltern

Sechs andine Bergschulen wollen ihr Schulprogramm erweitern und den Wissensschatz der Großeltern in den Unterricht einbeziehen

Hoch in den Anden, 28 Kilometer nordöstlich von Cuzco, liegt auf 3.780 Metern das Dorf Simatauca. 250 Familien leben hier. Die Menschen sind stolz auf ihre kleine Bergschule mit zurzeit 33 Kindern. Seit 2015 engagiert sich die Archäologin und Waldorfpädagogin Lizbeth Escudero López in dieser Schule. Sie übt mit den Lehrer*innen, stumpfes Wiederholen und Auswendiglernen durch Kreativität und individuelle Förderung zu ersetzen. Raum soll geschaffen werden für Phantasie, für Legenden und Lieder auf Quechua und Spanisch, für Malen, Basteln und Tanzen.

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Seit 2009 fördert Qespina in Zusammenarbeit mit staatlichen Schulen Bildungsprojekte für Kinder in der ländlichen Andenregion rund um Cusco. Ziel der Organisation ist es, das traditionelle Wissen über Umwelt, Ernährung und Gesundheit zu bewahren und an die Kinder weiter zu geben, um Problemen wie Mangelernährung und Umweltverschmutzung entgegen zu wirken. Über 200 Schüler*innen von sechs staatlichen Schulen können so die Pflege der andinen Kultur und Tradition in Verbindung mit kreativem Lernen in Gemeinschaft, guter Ernährung und Umweltschutz erfahren.  
Qespina öffnet den Raum für Phantasie, Geschichten und Lieder auf Quechua und Spanisch, für Malen, Basteln und Tanzen, für einen wertschätzenden Umgang zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen. Da die meisten Kinder und Jugendlichen unter einseitiger und unzureichender Ernährung leiden, hat jede Schule einen organischen Gemüsegarten angelegt, aus dem täglich Mahlzeiten zubereitet werden.  
Die Zukunftsstiftung Entwicklung begleitet Qespina seit 2013.

Die in Lima geborene Archäologin Lizbeth Escudero Lopez entdeckte 2004 ihre Lebensaufgabe, die Entwicklung neuer Lernmöglichkeiten für Dorfkinder, durch eine Freiwilligenarbeit in einem Heim für Waisenkinder in der Nähe von Cusco. Bei weiteren archäologischen und anthropologischen Tätigkeiten im Valle Sagrado, dem Heiligen Tal der Inkas, sah sie sich zudem mit Problemen der staatlichen Schulbildung, der Unterernährung der Kinder, des Verlustes der kulturellen Identität und der Umweltverschmutzung konfrontiert. Aus der Überzeugung, dass Kinder der Motor eines zukunftsweisenden Wandels sind, widmete sie sich der Entwicklung einer Waldorf-orientierten Pädagogik für den andinen Raum, die Kreativität und Verantwortungsbewusstsein fördert.

Ein Großvater erklärt traditionelle Werkzeuge.
Maria Quispe bei der Herstellung von Farbsud

Um die Ernährung der Kinder zu verbessern, legte Escudero López mit Eltern und Lehrer*innen einen Gemüsegarten auf dem Schulgelände an. Aus seinen Früchten wird das tägliche Schulmittagessen zubereitet. Mehrmals im Jahr laden die Kinder und Lehrer*innen die Eltern ein, gemeinsam zu kochen, um das Wissen um gesunde Ernährung zu fördern. Diese Arbeit und dieses Wissen trugen auch wesentlich dazu bei, die wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie zu meistern.
Nun will Lizbeth Escudero López einen Schritt weitergehen: Sie möchte den Wissensschatz der Großeltern systematisch in den Unterricht einbeziehen.

Die Lehre der Großeltern

“In der andinen Kultur”, berichtet sie, “wurden alte Menschen sehr geachtet. Wissen wurde mündlich von einer Generation an die nächste weitergegeben. Heute gelten die alten Menschen vielfach nichts mehr. Und doch haben sie uns so viel zu sagen. Sie sind die Hüter der andinen Kultur, sie kennen unsere Mythen und Legenden, die andine Vorstellung vom Kosmos, kennen vielfach noch Heilkräuter oder Techniken wie das traditionelle Spinnen, Weben, Färben, das Knüpfen von Teppichen. Sie wissen, wie mit einfachsten Werkzeugen der Boden zu bearbeiten ist, wie lokales Saatgut gepflegt wird.” Um Großeltern Anerkennung zu zollen, ihnen wieder Selbstbewusstsein zu geben und ihr Wissen an die junge Generation zu übertragen, startete sie das Projekt “Abuelos Yachay” – die weisen, lehrenden Großeltern.


Färben mit Kräutern

Die Trachten in den Hochanden sind leuchtend bunt. Früher gewannen die Menschen diese Farben aus Kräutern, heute verwenden sie überwiegend chemische Farbstoffe. Die Großmutter einer Schülerin nimmt die Kinder von Simatauca mit auf eine Lehrwanderung. Sie lernen Färbepflanzen wie Mutuy, Chilca, Mullaca, Tara oder den Annatosstrauch kennen; auch die Schildlaus wird genutzt. Die Kinder helfen mit Begeisterung und lernen, wie durch unterschiedliche Mischungen die verschiedensten Farben von satten bis feinen Grün-, Blau-, Rot- oder Brauntönen entstehen.

 

Lokale Legenden

Einer der Großväter ist der Hüter der lokalen Legenden. So der Legende des Sees Piuray in der Nähe von Simatauca. Er erzählt: „Einst feierte ein Paar Hochzeit in Piuray. Es kam ein alter Mann in schmutzigen Kleidern und wollte mitfeiern. Doch die Dörfler von Piuray jagten ihn davon. Nur eine Köchin erbarmte sich seiner, gab ihm zu essen und säuberte sein Gesicht. Aus Dankbarkeit hieß der alte Mann, der ein Gott war, die Köchin, mit ihm zu kommen und sich nicht umzudrehen. Als beide das Dorf verließen, öffnete sich ein Krater und das Dorf versank in einem See. Die Köchin drehte sich um und versteinerte. Noch heute sind im See Piuray Reste vorkolonialer Bauten zu finden und das Mahnmal der Köchin.“

“Traditionelles Wissen, eigene Legenden und Mythen formen die Identität. Wenn ich weiß, woher ich komme, kann ich offen sein für das Andere und die Zukunft”, sagt Frau Escudero López und freut sich an den Begegnungen zwischen Jung und Alt: „Die Kinder sind stolz auf ihre Kultur und Traditionen, sie lernen ihre Umgebung pflegen und schützen“.

Für Materialien und die Arbeit mit den Kindern, Lehrerinnen und Lehrern, Eltern und Großeltern an insgesamt sechs Schulen sind 2021 noch weitere 7.000 Euro notwendig.

Bei Quespina wird der Wissensschatz der Großeltern in den Unterricht einbezogen